Rückblick - Ringvorlesung mit Wolfgang Herles "Wie ARD und ZDF ihren Auftrag verfehlen"

2. Mai 2016: Dr. Wolfgang Herles: "Wie ARD und ZDF ihren Auftrag verfehlen"

Quotenorientierung und die damit einhergehende Ausrichtung auf Image und Marketing der Programmredaktionen sind laut Dr. Wolfgang Herles die Hauptgründe dafür, warum die öffentlich-rechtlichen Sender ARD und ZDF ihren journalistischen Auftrag nicht erfüllen. Dieser bestehe für Herles darin, Nachrichtenprogramme zu senden, in denen durch eigene und unabhängige Recherchen Informationen gesammelt und komplexe Zusammenhänge analysiert werden sollten. Qualitätsjournalismus zeichne sich ihm zufolge durch kritisches Hinterfragen gegenwärtiger Politik und gesellschaftlicher Strukturen aus. Für den Autor und Journalisten Herles sei das der wesentliche Beitrag der öffentlich-rechtlichen Medien im demokratischen Diskurs.

In seinem von persönlichen Erfahrungen geprägten Vortrag übte der ehemalige Leiter des ZDF-Studios Bonn daran jedoch harsche Kritik. Gleich zu Beginn warf Herles den öffentlich-rechtlichen Medien "Demokratieabgabe" vor, weil sie ihren gesellschaftlichen Auftrag nicht umsetzen würden. Obwohl ARD und ZDF durch den GEZ-Rundfunkbeitrag vom finanziellen Druck befreit seien, würden sie sich nicht so verhalten, sondern sich im Gegenteil der Quotenorientierung unterwerfen. Dies habe jedoch zufolge, dass sich die Programme am gegenwärtig vorherrschenden Massengeschmack orientieren würden, wodurch es laut Herles vor allem zu einer Vereinfachung, Personalisierung, Emotionalisierung und letztendlich Boulevardisierung im Sinne einer Ausrichtung an Unterhaltungsformaten käme. Das öffentlich-rechtliche Fernsehen "lasse sich zum Zuschauer herab" und zahle den Preis des Substanzverlusts relevanter Inhalte. Informationssendungen, Nachrichten und Dokumentationen würden zunehmend in Unterhaltungsformate umgewandelt oder ganz von ihnen ersetzt. Die Orientierung am Mainstream zum Erreichen hoher Einschaltquoten hebe die Kriterien für Qualität und Relevanz der Inhalte auf und ende in durchformatierten Einheitssendungen, die sich stetig wiederholten. Neben den Themen Fußball, Krimi und Talk gäbe es kaum eine Auswahl, meint Herles. Das inoffizielle Ziel der Marktführerschaft durch hohe Einschaltquoten der Sender "durchlöchere den journalistischen Verstand" und führe zu einem "gefälligen" und "beliebigen" Programmangebot, erläuterte er. Herles verwies darauf, dass die Rundfunkbeiträge dafür jedoch nicht vorgesehen seien, und warf in diesem Zusammenhang den verantwortlichen Redakteuren und Gremien vor, sich nicht vehement genug für ihre Unabhängigkeit und Innovation der Sendungsformate einzusetzen, und dass sich die öffentlich-rechtlichen Anstalten diesen Beanstandungen verschließen würden. "Den Anstalten fehle der Mut und den Produzenten die Freiheit", fasste der Journalist den gegenwärtigen Zustand von ARD und ZDF hinsichtlich einer zukünftigen inhaltlichen Änderung zusammen. Den Entzug aus der Qualitästdebatte halte er jedoch für den größten Fehler der Verantwortlichen, denn Herles meint als Folge dieser Entwicklungen eine Spaltung der Gesellschaft in eine informierte und aufmerksame marginale Gruppe sowie in eine entpolitisierte Mehrheit zu erkennen.

Zum Abschluss seiner kritischen Ausführungen betonte Wolfgang Herles jedoch, dass die öffentlich-rechtlichen Medien ARD und ZDF unverzichtbar in der deutschen Medienlandschaft seien, ihre Strukturen jedoch hinsichtlich einer Qualitätssicherung dringend reformiert werden sollten. Er stellte einige Vorschläge zur Debatte, beispielsweise die Ersetzung der GEZ-Gebühr durch eine steuerliche Finanzierung, die Einführung einer neuen Unternehmenskultur, die Aufsicht durch freie Experten aus Wissenschaft und Kultur und die unbedingte Erfüllung des Rundfunkauftrags. Seine wichtigsten Appelle richteten sich jedoch an die Programmredaktionen, sich vom Quotendogma zu befreien und sattdessen wieder eine Vielfalt kulturpolitischer Themen im Hauptprogramm aufzunhemen, um eine informierte und kritikfähige Gesellschaft zu fördern.


Letzte Aktualisierung 14.06.2016 von ageuchen_admin
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