Rückblick - Ringvorlesung mit Stephan Russ-Mohl "Vernachlässigt oder Chancenlos? Journalistische Qualitätssicherung in der Aufmerksamkeitsökonomie"

14. Juni 2016: Stephan Russ-Mohl

Prof. Dr. Russ-Mohl ergänzte die Diskussion um Lügenpresse um eine Perspektive, der in den vergangenen Vorträgen und Diskussionen bereits eine wichtige Rolle zukam: Der Frage nach der journalistischen Qualitätssicherung. Der Denkraum, den der Wissenschaftler von der Universität Lugano bespielt lehnt sich an (verhaltens-)ökonomische Prozesse an.

 

Den theoretischen Weg zur Aufmerksamkeitsökonomie hat der Medienwissenschaftler über die verschiedenen theoretischen Schulen seines Fachbereiches genommen: Luhmann oder Habermas, so seine These können die konkreten Prozesse von Angebot und Nachfrage nach Medien nur schwerlich erklären. Das wissenschaftliche Angebot des Konzepts der Aufmerksamkeitsökonomie erklärt in seiner ursprünglichen Form die Austauschprozesse auf dem Markt von Informationene. Auf der Vorderbühne tauschen demnach Journalisten und ihre Publika Neuigkeiten (die durch die Journalisten gestellt werden) gegen Aufmerksamkeit, die die Berichterstattung dafür bekommt. Die Hinterbühne wird bespielt zwischen dem Quellen System aus PR Experten und Informationsverwaltern (sog. Gatekeepern), die ausgewählte Informationen via die Jouranlisten an den Öffentlichen Raum weitergeben. Im Gegenzug erhalten sie dafür Aufmerksamkeit von relevanten Zielgruppen. 

Diese Mechanismen der Aufmerksamkeitsökonomie werden aktuell vor allem durch Prozesse der Digitalisierung untergraben. „Der Journalismus droht im Aufmerksamkeits-Bermuda-Dreieck zu verschwinden“, erklärt Stefan Russ-Mohl. PR verdränge mehr und mehr die eigentliche Werbung im Print, diese wandere ebenso wie die relevanten Publika ins Internet ab. Der Journalismus verliert seine Rolle als Tauschpartner von Informationen in der Aufmerksamkeitsökonomie.

 

Darunter leidet die Qualitätssicherung. Die Aktualität, Interaktivität und Originalität nehmen durch die neuen Prozesse zu, wohingegen Transparenz und Reflexivität, Objektivität, Relevanz und die Reduktion von Komplexität abnehmen. Am stärksten zeige sich dies in der Infrastruktur, die ein wesentliches Element der Qualitätssicherung sei und vorab durch Aus- und Weiterbldung bildung, produktionsbegleitend durch externe Experten und journalistische Grudnwerte und nach Veröffentlichung durch Kritisierbarkeit, Ombutsleute oder Medienforschung die Qualität von Medienerzeugnissen kontrollieren könne.

Im Fokus sieht Russ-Mohl dabei das redaktionelle Qualitätsmanagement. Die „Drei Cs“ sind dafür sinnvolle Anhaltspunkte: Correction policies (Umgang mit Berichterstattungsfehlern), Complaints Management (Beschwerde-Management) sowie Coverage of Journalism and media by the media (Medienjournalismus). Diese drei Grundsätze sein, so der Referent, eigentlich wirtschaftlich unkompliziert einzurichten, dennoch werden sie von vielen Redaktionen kaum beachtet. Insbesondere der Medienjournalimus –also die Berichterstattung von Medien über Medien sieht der Referent als schwer vernachlässigt. ER erklärt dies damit, dass Medienverantwortliche nicht selber zu Skandalisierungsopfern werden wollen, dass es ein hohes Misstrauen gegen Ombutsleute gebe oder dass sich ein Vorstoß in diese Richtung nur lohne, wenn die Medienlandschaft als ganze handeln würde. Darüber hinaus behindert die Rationalisierung der Verantwortlichen durch Selektive Wahrnehmung, die Kontroll- oder Verlustillusion das Handeln in diese Richtung. Letztlich ist der Medienmarkt zu einem Zitronenmarkt geworden: Der Nutzer kann von außen nicht zwischen unterschiedlicher Qualität der Angebote unterscheiden, weshalb der Preis der einzelnen Medienangebote fällt.



Der gegenseitige Einfluss von PR und Journalismus

Die Konsequenz, so der Referent, sei ein Desinformationsmarkt. Dieser zeichnet sich daduruch aus, dass eine Information die Oberhand gewinnt, die eigentlich nicht die tatsächliche Realität abbildet. Oft sind es tatsächliche Falschmeldungen, die keiner seriösen Überprüfung standhalten würden. Als aktuelles Beispiel nannte Prof. Dr. Russ-Mohl die –Causa Gauland/Boateng, die einen viel zu großen Raum im medialen Diskurs eingenommen hat, ohne tatsächlich so gefallen zu sein. 

Als weiteren Hintergrund nennt der ehemalige FU-Professor die zunehmende Macht des PR Sektors über die Medieninhalte. Seiner Analyse nach, sind die PR Inhalte deutlich wichtiger für die Journalistische Arbeit, als die Journalisten selber einzuschätzen vermochten. Dies sei belegbar durch die Selbst- und Fremdeinschätzung der jeweiligen Berufsgruppen. Während der Journalismus sich als weitgehend unabhängig von der PR wahrnimmt, geben PR Vertreter eine deutlich engere Verbindung preis.



Auf dem Weg in die Desinformationsökonomie

Das kritische Fazit von Prof. Dr. Russ-Mohl: Wir befinden uns auf dem Weg in die Desinformationsökonomie. Obgleich etablierte Massenmedien auch online tonangebend wären, sei den Journalisten die Rolle der Schleusenwärte des öffentlichen Diskurses durch digitalisierungs- und social Media Prozesse genommen worden. Es fehle an einem funktionierenden Geschäftsmodell, weshalb die Redaktionen weiter schrumpften. Druch Trolle oder Social Bots käme es mehr und mehr zu einem „Desinformation overload.“ Der Effekt war bereits Inhalt anderer Veranstaltungen dieser Reihe: Der Scheinkonsens führt zu einem Gefühl des Ausgeschlossen seins vom Mainstream, einhergehend mit Enttäuschungswut und einer gefühlten Bevormundung. Damit öffnet er Radikalismus und Populismus eine Bühne.

Die vielfältige Diskussion wird bereichert durch Größen der deutschsprachigen Medienwissenschaften. Sie reicht von positiven Beispielen der Medienarbeit von Journalisten über die Frage nach Internationaler Etablierung von Qualitätsmedien bis hin zur Wissenschaftskritik: „Auch die Wissenschaft ist zu einer Echokammer geworden“, attestiert Prof. Dr. Russ-Mohl seinem Feld. Abschließend mäßigt der Referent seine PR Kritik: Es gäbe auf beiden Seiten – Journalismus und PR – Schwarze Schafe. Beide Lager müssten sich von ihnen abgrenzen.


Letzte Aktualisierung 14.06.2016 von ageuchen_admin
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