Rückblick - Ringvorlesung mit Prof. Dr. Frank Überall "Bedrohter Journalismus! Braucht die systemrelevante Institution einen Ideellen Rettungsschirm?"

30. Mai 2016: Prof. Dr. Frank Überall "Braucht die systemrelevante Institution einen reellen Rettungsschirm?"

Prof. Dr. Frank Überall beschäftigte sich aus wissenschaftlicher und praktischer Sicht mit den unterschiedlichen Rollen von Journalisten. Als freier Journalist und Medien- und Sozialwissenschaftler an der HMKW Hochschule sowie als Bundesvorsitzender des Deutschen Journalisten-Verbands (DJV) konnte er in der Diskussion aus einem breiten Erfahrungsschatz schöpfen.


Als Vorsitzender des DJV nahm Überall zunächst die verschiedenen Bedrohungen, denen er Journalisten ausgesetzt sieht in den Fokus. Journalisten werden nicht mehr wirklich wertgeschätzt, lautet seine These, und das obwohl sie und ihre Arbeit wesentlich sind, um den demokratischen Diskurs erst möglich zu machen. Die fehlende Wertschätzung, so Überall, zeige sich finanziell – vor allem bezogen auf die Bezahlung und Wirtschaftlichkeit Journalistischer Arbeit - , professionell – vor allem bezogen auf die Ausbildung im Journalismus – und rechtlich.


An Hand von Studien zeigt der Referent, dass die Lügenpresse-Rufe darüber hinwegtäuschen, dass die Mehrheit der Befragten sich noch immer gerne und ausführlich über die Medien informiert. Auch die Kanzlerin, so Überall, stehe hinter dem im Grundgesetz verankerten Wert von Pressefreiheit. Trotzdem dürfe die Situation auf PEGIDA-Demonstrationen nicht bagatellisiert werden. Überforderte Polizei, passive Justiz und nicht konsequente politische Schritte führten zum Engagement des DJV, den Internetblog www.augenzeugen.info zu gründen – und das obwohl Journalisten nur ungern über sich selber berichteten, so Prof. Überall.

 



Profipresse statt Lügenbegriff

Abschließend ruft er dazu auf, dem ideologischen Kampf um Lügenpresse und Medienqualität einen positiven Begriff entgegenzusetzen. Den „Lügenpresse“-Rufern gehe es darum, „gezielt das Vertrauen in gesellschaftlich etablierte Institutionen zu beschädigen“. Journalismus sei eine solche gesellschaftliche Institution. „Die Presse wird genau da angegriffen, wo es am bedrohlichsten ist: bei ihrer Glaubwürdigkeit“, sagte Überall in der Ringvorlesung. Er forderte einen „ideellen Rettungsschirm“ für den Journalismus in Deutschland. Das müsse bereits beim gesellschaftlichen Diskurs und den verwendeten Begriffen anfangen. 

 

Statt sich auf die Kampfvokabel der „Lügenpresse“ einzulassen, müsse man versuchen, die Deutungshoheit durch eine neue Begriffsprägung zurück zu bekommen. Was Journalistinnen und Journalisten publizierten, sei das Ergebnis professioneller Recherche und Darstellung, sagte der DJV-Vorsitzende: „Auf diese professionelle Leistung kommt es an. Deshalb empfehle ich als Begriff die ‚Profipresse‘.“ Das sei ein „aufklärender Aussagebegriff als diskursives Mittel gegen einen kämpferischen Schmähbegriff“.
 

Die komplette Vorlesung als Film finden Sie in Kürze auf dem Youtubeprofil von ALEX Berlin oder www.alex-berlin.de

(Unter Verwendung der Pressemitteilund des DJV zum Begriff Lügenpresse vom 31. Mai 2016)


Letzte Aktualisierung 01.06.2016 von ageuchen_admin
©  OSI-Club e.V.  ~  wegewerk> wwEdit CMS 3.5