Rückblick - Ringvorlesung mit Alison Smale "Warum der Begriff Lügenpresse so universal verärgert"

9. Mai 2016: Alison Smale "Warum der Ausdruck Lügenpresse so universal ärgert"

Alison Smale, Leitung des Berliner Büros der New York Times in Deutschland und  ihre Kollegin und Stellvertreterin Melissa Eddy haben ihren Vortrag einem umfassenden Einblick in die Medienlandschaft der USA gewidmet. Insbesondere der US-Wahlkampf um Donald Trump setzte dabei das Misstrauen in die Medien in den Blick und half bei der Beantwortung der Frage, an welchen Stellen sich der Begriff Lügenpresse in den USA widerspiegelt. Wegen der Wahlen in Österreich meldete sich Alison Smale zunächst mit einer Videobotschaft: Journalismus, das heiße, wenn es darauf ankommt auch vor Ort zu sein und den Ausschnitt der Wahrheit mit eigenen Augen zu sehen und auf dieser Basis selber beschreiben zu können. In ihrem Statement zum Begriff Lügenpresse griff sie die kulturelle Eigenart des Begriffes auf, den es so in der englischen Sprache nicht gebe. Der Mechanismus von Misstrauen in die Medien, das populistisch genutzt wird, sei aber auch in den Vereinigten Staaten zunehmend zu finden. Ihre Arbeit als Auslandsjournalistin, sei davon aber weitestgehend geschützt, da Medien, die im Ausland entstünden ein höheres Vertrauen genießen können, so die Journalistin. Diese Unterscheidung von Landesmedien und Auslandsjournalismus nahm Melissa Eddy in ihrem anschließenden Vortrag auf. Sie legte zunächst die Evolution der Medienlandschaft in den USA hin zum Massenmedien-Markt dar: In den 1990er Jahren begann dort die Ära der großen Broadcasting Unternehmen. Ende dieses Jahrzehnts folgte die erste Forschungsarbeit. Noam Chomsky schrieb über Mainstream Medien und argumentierte: Kleinere Medien hätten weder die Ressourcen, noch die Zeit um eigene Nachrichten zu produzieren, daher ließen diese sich von den großen Häusern leiten. Dies sei die Kernbegründung für Mainstream, so Chomsky. Den vielleicht größten Einfluss, so Eddy, habe die Geburt des Senders Fox News im Jahr 1996. An diesem Datum wird allgemein die Spaltung der Medienlandschaft in das konservative und das demokratische Lager festgemacht. Noch heute ist der Kanal immer wieder in der Kritik und wird mit Befangenheitsvorwürfen konfrontiert. 2009 konnte eine Studie der Medien Forschungsgruppe des Pew Research Centers nachweisen, dass fast die Hälfte aller Amerikaner (47%) Fox News als konservativ einschätzen. Ebensoviele Amerikaner ordneten CNN und MSNBC als eher liberal ein. Gleichzeitig mit dieser Entwicklung begann die Ära des Schockjocks: Insbesondere lokale Radiosender versuchten grenzwertige Minderheitsmeinungen in den Medien abzubilden. Auch weniger provokative aber ebenso mächtige Medienfiguren wie Rush Limbaugh gelangten zu dieser Zeit an Bedeutung und medialer Macht. Beide Entwicklungen schafften es eine Praxis des Agenda Settings zu etablieren, dass auch politische Themen medial diskutiert werden – jedoch ohne eine echte Debatte.

Melissa Eddy reflektierte in diesem Zusammenhang den Umgang mit der Berichterstattung mit Obamacare: Die Meinungen wären in den Medien vorgefertigt vorhanden und würden dort nur orchestriert, aber nicht debattiert. Ein Kritikstrom an den Medien nahm im Jahr 2009 mit Sarah Palin wieder zu. Sie nutzte erneut den Begriff Mainstream Media als etwas Negatives und prägte Begriffe wie „Lamestream“. Es war das erste Mal, dass die Medien von einem politischen Kandidaten direkt in die Kritik genommen wurden. Die damalige Tea Party Bewegung verglich Referentin Eddy mit der deutschen Gruppierung Pegida.

Heute sieht sie die Kritik an den Medien vor allem in Schmäh-Medien. Exemplarisch nimmt sie die Daily Show auf Comedy Central in den Blick: Diese stellt die großen Geschichten des Nachrichtentages an den Pranger. Insbesondere Fox News nimmtdie Daily Show in den Blick. Obwohl es sich dabei um eine Art Kontrollfunktion der Medien gegen die Medien handelt, stärkt diese Art der Mediensatire die Spannungen in der Medienwahrnehmung. Referentin Eddy sieht diese reflektierte Spannung auch als Katalysator für die aktuelle Entwicklung, dass Donald Trump sich die Medien so stark zu eigen macht. Als Beispiel nimmt sie die Situation, in der Trump die Fox Moderatorin Megyn Kelly verbal angriff und begann seine Medienauftritte selber zu inszenieren. Die Botschaft: Auch Fox News sei nicht zu trauen, Medienaufmerksamkeit bekommt ein Donald Trump auch ohne TV-Protegé. An dieser Stelle zeigt sich das letzte Problem, dass Eddy an diesem Abend aufgreift: Trump bringt Quote. Mainstream ist auch deswegen Mainstream, weil er gesehen wird. „Es wird sogar vom Trump-Effekt gesprochen, so die Referentin: Wenn Trump auf Sendung sei, gäbe es etwa viermal mehr Zuschauer als in einer Sendung, die Trump ausspart. Werbung wird teurer, Gewinne steigen. Und das für eine Medienperson wie Trump, deren Wortwahl dem deutschen Begriff Lügenpresse am nächsten kommt: „Lying, liberal media“ – die liberale Medienpresse ist es, die der Präsidentschaftsanwärter in die Kritik nimmt und für die er begeisterte Boo!-Rufe einstreicht.

Kritische Berichterstattung darüber wird überdies immer schwieriger: Journalisten, die sich verdeckt in diese Veranstaltungen begeben haben, werden sanktioniert oder von ihren Medienunternehmen entlassen, da sie den Erfolg des Blattes in Gefahr bringen. Kritik auszudrücken wird in den Medien in den USA derzeit also immer schwieriger: Die Wut gegen die Medien ist so stark und verkauft sich gleichzeitig so gut, dass Kritik oder verhandelnde Töne es nicht in die großen Kameras schaffen. Daher fasst Melissa Eddy am Ende ihres Vortrages zusammen: „We are so stuck in a paradigm with large cameras and a big footbrint that it is almost our own fault.“


Letzte Aktualisierung 26.05.2016 von ageuchen_admin
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