Willy Brandt 1962

Rede Willy Brandts 1962 zur Eröffnung des OSI-Neubaus

Von der "Deutschen Hochschule für Politik" zum "Otto-Suhr-lnstitut"

Nach einer Bauzeit von zwei Jahren wird am 7. Mai das neue Gebäude des Otto-Suhr-lnstituts an der Freien Universität Berlin eingeweiht. Damit heißt es auch äußerlich von einem echten Berliner Kind, der früheren „Deutschen Hochschule für Politik“, Abschied zu nehmen, die zwar schon seit dem 1. April 1959 in den Haushaltsplan der Freien Universität einbezogen war, ihren Lehrbetrieb aber noch im alten Heim in der Badenschen Straße fortsetzte.

Die Verschmelzung der „Deutschen Hochschule für Politik“ mit der Freien Universität Berlin, die Entwicklung zum „Otto-Suhr-lnstitut“, kennzeichnet zugleich den Wandel in der Entwicklung dieser Hochschule.

Ursprünglich von dem schwäbischen Demokraten Ernst Jaeckh im Jahre 1920 als Stätte der gehobenen Erwachsenenbildung ins Leben gerufen, ist nun die dort mit entwickelte Wissenschaft von der Politik zu einer akademischen Disziplin geworden, deren zehn neue Lehrstühle sich auf die Juristische Fakultät, die Wirtschafts- und  Sozialwissenschaftliche Fakultät und die Philosophische Fakultät verteilen.

Dank der Unterstützung und Förderung so prominenter Persönlichkeiten wie des Preußischen Ministerpräsidenten Braun, Minister Severing, Reichskanzler Marx, des damaligen Präsidenten des Preußischen Staatsrats, Oberbürgermeister Dr. Konrad Adenauer, und vieler anderer, gelang es Ernst Jaeckh, gemeinsam mit dem ersten Studienleiter Dr. Theodor Heuss, innerhalb von zehn Jahren die Deutsche Hochschule für Politik "zum ausgezeichnetsten Institut auf dem Kontinent“ zu machen, wie der „Manchester Guardian“ anläßlich des zehnjährigen Bestehens feststellte. Das internationale Ansehen, das sich dieses Institut erworben hatte, ließ zahlreiche Ausländer nach Berlin kommen, von denen der Student George F. Kennan, der spätere US-Botschafter, einer der prominenten Gasthörer war.

1933 wurde das Werk von Ernst Jaeckh und Theodor Heuss von den Nationalsozialisten gleichgeschaltet und so dem Untergang preisgegeben.

Mit großem Idealismus ging nach dem Zusammenbruch Otto Suhr, der nachmalige Regierende Bürgermeister, daran, das Institut wieder aufzubauen und ihm erneut zu internationaler Geltung zu verhelfen. Otto Suhr wollte die wissenschaftliche Beschäftigung mit der Politik nicht um ihrer selbst wil!en, sondern im Interesse unserer jungen Demokratie aufgefaßt wissen. Ihm und den anderen Mitarbeitern ist es zu verdanken, wenn die politische Wissenschaft als eine akademische Disziplin anerkannt wurde.

Ein besonderes Wort des Dankes gerade im Zusammenhang mit der Einweihung des neuen Gebäudes des Otto-Suhr-Instituts der Freien Universität Berlin gebührt unseren amerikanischen Freunden; denn eine 3,7-Millionen-DM-Spende setzte uns in den Stand, diesen Bau zu errichten. Die Amerikaner haben mit dieser großzügigen Hilfe erneut ihrem Interesse an der Entwicklung der politischen Wissenschaft in Deutschland und ihrem Ausgangspunkt Berlin Ausdruck gegeben, denn schon seit ihrem Bestehen ließen sie der „Deutschen Hochschule für Politik“ jährlich 50.000 Dollar zufließen.

Wir sind für dieses neue Zeichen der Verbundenheit mit unserer Stadt besonders dankbar, weil wir durch diesen Instituts-Neubau ein weiteres Stück auf dem Weg, Berlin zu einem Zentrum der Forschung und Lehre auszubauen, vorangekommen sind.

Die nun auch räumlich vollzogene Verschmelzung des „Otto-Suhr-lnstituts“ mit der Freien Universität wird mithelfen, „die Deutschen“, wie es Prof. Dr. Theodor Heuss einmal gesagt hat, „in der Führung ihrer öffentlichen Angelegenheiten geschickter zu machen“, und eine fruchtbare Zusammenarbeit mit den anderen Disziplinen zu fördern. Eine der vornehmsten
Aufgaben des Instituts wird es bleiben, bei der Intensivierung und dem Ausbau der politischen Bildungsarbeit mitzuwirken. Darüber hinaus wird das Otto-Suhr-lnstitut dazu beitragen, die Kontakte zwischen Wissenschaft und Praxis zu vertiefen. Auch in Zukunft wird es der politischen Praxis nach wissenschaftlichen Gesichtspunkten erarbeitete Materialien zur Verfügung stellen und so dem Politiker ein wertvoller Helfer sein.

Die Wissenschaft von der Politik hat von Beginn an vor allem auf die politisch aufgeschlossene Jugend eine starke Anziehungskraft ausgeübt; das wird auch in Zukunft so bleiben. In Anerkennung dieser Tatsache sind an fast allen deutschen Hochschulen entsprechende Lehrstühle errichtet worden, aber – und das sei gewiß nicht aus überheblichem Lokalpatriotismus gesagt – nur in Berlin wird noch heute die Wissenschaft von der Politik in ihrer ganzen Breite gelehrt. Nirgendwo anders kann allerdings auch dieses Studium so lebensnah betrieben werden wie in unserem gespaltenen Berlin. Hier, im Brennpunkt des deutschen Schicksals, wird täglich neu praktische Politik im weitesten Sinn des Wortes erlebt und gelebt.

Wie rasch diese Erkenntnis bei den Studenten auch in Westdeutschland und selbst im Ausland wächst, geht aus den Anmeldungen zum diesjährigen Sommersemester der Freien Universität hervor. Dies ist ein erfreuliches Zeichen und stellt der Jugend ein gutes Zeugnis aus. Wir hoffen jedenfalls, daß Berlin seine führende Stellung auf dem Gebiet der politischen Wissenschaft noch ausbauen kann.

Zur Einweihung des neuen Gebäudes des Otto-Suhr-lnstituts beglückwünsche ich alle Dozenten und Studierenden und bin sicher, daß hier stets der Geist wissenschaftlicher Freiheit, politischen Verantwortungsbewusstseins und internationaler Zusammenarbeit herrschen wird.

zitiert nach: Willy Brandt und die Freie Universität, hrsg. von der Presse- und Informationsstelle der FU Berlin, 1996
(Foto: Bundesarchiv / B_145_Bild-P046883 - frei nach GNU-Lizenz)


Letzte Aktualisierung 13.10.2015 von pkoch_admin
©  OSI-Club e.V.  ~  wegewerk> wwEdit CMS 3.5