Jens König

Zusammenfassung des Vortrages

„Eine Buchvorstellung in Berlin. Ein Raum in der Bundespressekonferenz. Rund 75 Journalisten sind gekommen, mehr als dreimal soviel wie bei solchen Veranstaltungen sonst üblich. Steinmeier präsentiert an diesem Tag die erste Guido-Westerwelle-Biographie. Neben ihm sitzt, na klar, der FDP-Chef höchstpersönlich…“

Mit dieser atmosphärischen Beschreibung einer Quasi-Koalitionsverhandlung zwischen Außenminister und Möchtegern-Außenminister, inszeniert als Buchvorstellung, begann diesen Montag der Vortrag von Jens König, Reporter im Hauptstadtbüro des stern. König gab anschließend Einblicke in das Zusammenspiel von Politik und Medien in Berlin – eine eigene Welt in der „Medienkanzler“ und „Kanzlermedien“ um das Gut der Aufmerksamkeit ringen. Ohne eine gelungene Inszenierung sei Politik nur noch schwer oder gar nicht mehr vermittelbar – und das, was unter der auf die Medien zugeschnittenen Darstellung heute leide, seien die politischen Inhalte.
Schuld an dieser Entwicklung, soweit man überhaupt von Schuld sprechen könne, sei letztlich auch der einzelne Bürger: Wer lese schon die seitenlangen Wahlprogramme im Original, fragte König kritisch in die Runde. Der Bürger habe es sich in seiner passiven Publikumsrolle allzu bequem gemacht. Politik werde zu einer journalistischen Ware, die mit Unterhaltungsthemen in Konkurrenz stehe – und in diesem Vergleich aufgrund ihrer Komplexität, Langsamkeit und dem dadurch mangelnden „Sexappeal“ meist nur verlieren könne. Als Reaktion darauf versuche die Politik sich den Regeln der Medienwelt noch stärker anzupassen. Bestes Beispiel dafür in Deutschland sei „Medienkanzler“ Schröder. Die Königin der Inszenierung aber sei eigentlich Merkel, weil sie die Inszenierung der Nicht-Inszenierung perfektioniere.

Letztlich, so warnte König, entstehe dadurch ein paradoxer Kreislauf: Eine in der Bevölkerung existente Politikverdrossenheit resultiert in einer Tendenz zur Inszenierung politischer Themen, um das Interesse der Menschen zu wecken. Genau deswegen aber, weil sowohl Journalisten als auch Politiker bei Inszenierungen inhaltlich an der Oberfläche der Dinge bleiben, verliert die Politik ihre Substanz – und die Bürger entfernen sich noch ein Stück weiter von ihr, fliehen in pure Unterhaltungsangebote.


Buchtipp:
Thomas Meyer und Martina Kampmann: „Politik als Theater. Die neue Macht der Darstellungskunst“

Artikel über den Vortrag in der aktuellen Ausgabe von campus.leben

Letzte Aktualisierung 25.03.2009 von aknaut
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