Jakob Augstein

Abstract des Vortrages

Experimentierfreude ist keine deutsche Tugend. Weder die Politik noch die Medien haben bisher das ungeheure Potenzial, das Interaktivität und Partizipation im Netz bieten, erkannt und genutzt. Der hierarchiefreie Charakter des Netzes steht gegen die traditionellen Machtstrukturen, auf denen sowohl die politische als auch die mediale Öffentlichkeit ruhen. Wenn diese Strukturen nicht eines Tages auf die Loyalität der Menschen als Wähler und Leser verzichten wollen, müssen sie sich ändern und anpassen.


Zusammenfassung des Vortrages

Braucht Wahlkampf 2.0 auch Journalismus 2.0? Dies war die Frage, die Jakob Augstein, Herausgeber und Geschäftsführer des Freitag, zu Beginn seines Vortrages in den Raum stellte. Seine Antwort folgte auf dem Fuße und lautete, dass weder die Politik noch die Medien bisher das ungeheure Potenzial, das Interaktivität und Partizipation im Netz bieten, erkannt und genutzt hätten. Der deutschen Politik sowie der deutschen Medienlandschaft fehle die nötige Experimentierfreude.

Eine Kontrastierung des traditionellen Journalismus mit der Journalismus-Version 2.0 kreist Augstein zufolge letztlich um drei Kernpunkte: Hierarchie, Partizipation und Glaubwürdigkeit. Journalismus 2.0 biete einen hierarchieärmeren, fast egalitären Raum für verschiedenste Interessen und Meinungen, die von aktiven Rezipienten mitgestaltet würden. Im Unterschied zum Journalismus 1.0 könnten sich Blogger nicht auf den Abglanz einer institutionalisierten Tageszeitung in ihrem Rücken verlassen, sondern stünden alleine für das ein, was sie schreiben. Also stünden sie auch alleine für eventuelle Fehler gerade – was ihrer Glaubwürdigkeit keinen Abbruch tun würde, sondern im Gegenteil, vertrauensfördernd wirken könne.

Den Grund für die Skepsis vieler Journalisten gegenüber dem Journalismus 2.0 sieht Augstein in einem vor allem deutsch geprägten Hierarchiedenken. „Entweder oder“ sei oft die Einstellung bei traditionellen Medienmachern, „sowohl als auch“ spiegele aber vielmehr das wieder, was man für diese Trendwende im Journalismus benötige, wie Augstein aus seiner Erfahrung beim Freitag berichtete: Die Texte professioneller Journalisten werden nicht komplett ersetzt, aber ergänzt durch Texte und Themenvorschläge von Bloggern und anderen Mitglieder der „Community“.
Dies sei auch in anderen Medien dringend nötig, denn wenn beide, Journalisten und Politiker, nicht eines Tages auf die Loyalität der Menschen als Wähler und Leser verzichten wollen, müssten sie sich ändern und an die Gegebenheiten des Webs 2.0 anpassen.


Mehr Informationen zu diesem Thema finden Sie auch in der aktuellen Spiegel-Ausgabe Nr.20/11.5.09 („Die Bürger-Kings“, S. 62f) und im aktuellen SZ-Magazin Nummer 19/18.5.09 („Wozu Zeitung?“).

Letzte Aktualisierung 25.03.2009 von aknaut
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