Hans-H. Langguth

Abstract des Vortrages

Wahlkampf ist eigentlich eine einfache Angelegenheit. Wahlkämpfen ist dennoch komplizierter geworden. Meinungsforscher und Medien beeinflussen die Wahlentscheidung in nie gekannter Weise, werden teilweise selbst zu Akteuren im Wahlkampf. Doch es gibt Grund zur Hoffnung: Wählerinnen und Wähler emanzipieren sich in immer stärkerem Maße, die gute, alte Schweigespirale funktioniert nicht mehr.


Zusammenfassung des Vortrages

„Wer glaubt, am Sonntag in der Wahlkabine alleine zu entscheiden, wo er sein Kreuz setzt, der irrt.“ Stattdessen müsse es heißen „You’ll never vote alone“. Mit dieser These eröffnete Hans-H. Langguth, Geschäftsführer der Agentur Zum goldenen Hirschen, seinen Vortrag im Rahmen der Vorlesungsreihe „apropos Wahlkampf“.
Unterstützt durch zahlreiche Videobeiträge (vom Wahlwerbespot der Grünen zur Bundestagswahl 2002, der „Elefantenrunde“ am Wahlabend 2005 und der„WUMS!“-Kampagne der Grünen im letzten Europawahlkampf) legte Langguth seine These dar: Die Medien und die Demoskopie würden vor Wahlen in steigendem Maße die politischen Entscheidungsprozesse beeinflussen. Dies sei drei Trends geschuldet:
Zum Einen sei das die Entpolitisierung der Berichterstattung. Es entstehe eine Art horse-race-Journalismus, der den Bürgern zwar noch Zwischenstände politischer Entscheidungsprozesse liefere, der die inhaltlichen Aspekte aber größtenteils ignoriere. Zum Zweiten sei festzustellen, dass Journalisten immer mehr zu Akteuren und Experten werden, die sich in das Geschehen, über das sie berichten, auch aktiv einmischen. Drittens habe man sich inzwischen mit Begeisterung dem einfach zu vermittelnden „Wahlumfrage-Journalismus“ zugewandt. Die Meinungsforschungsinstitute, deren Umfrageergebnisse nicht nur vor Wahlen extrem stark nachgefragt werden, nehmen hierdurch eine wichtige Position im öffentlichen Diskurs ein. Leider erkenne man heute aber gleichzeitig eine hohe Diskrepanz zwischen der Realität dieser Medieneliten und der Realität der Bürger: Seit einigen Jahren werden demoskopische Prognosen nicht mehr zuverlässig durch tatsächliche Wahlergebnisse bestätigt, was nahelegt, dass diese Vorhersagen den Kern der sozialen Realität nicht mehr wiederspiegeln.
Die Folge aus dieser Diskrepanz ist für Langguth die Emanzipation der Bürger von der Parallel-Wahrheit der Demoskopie und der Medien. Dies geschehe auch aus Gründen der Diffusion der Interessenlagen innerhalb der Wählergruppe, sowie der Konvergenz zwischen den Parteien („in der Mitte wird es eng“), der schwächeren Polarisierungskraft des politischen Personals und schließlich der immer weiter ansteigenden Zahl von Wechselwählern, die ihre Wahlentscheidung zu großen Teilen erst am Wahltag selbst träfen. Die Annahme vieler Meinungsforschungsinstitute, nach der sich Unentschiedene an der Mehrheitsmeinung orientieren würden und entsprechend der bereits vorhandenen Stimmverteilung abstimmen würden, sein nicht mehr haltbar, so Langguth. Für ihn funktioniere Elisabeth Nölle-Neumanns Konzept der Schweigespirale heute eindeutig nicht mehr.

Letzte Aktualisierung 25.03.2009 von aknaut
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