Publizistische und ökonomische Perspektiven auf dem Berliner Pressemarkt
Die Frage, welche Perspektiven auf dem Berliner Pressemarkt beständen, hätte Lorenz Maroldt, der Chefredakteur des Tagesspiegels, noch vor einigen Jahren mit einem deutlichen „Keine!“ beantwortet. Der „Zeitungskrieg“, welcher 1990 begann und einige Opfer zu verzeichnen hatte (Neue Zeit, Der Morgen), habe auch die verbliebenen Zeitungen derart geschwächt, dass niemand eine positive Zukunftsprognose wagte. Die gescheiterte Übernahme des Berliner Verlags (Berliner Zeitung) durch den Holtzbrinck – Konzern (u.a. Tagesspiegel) versetzte die gesamte Berliner Zeitungslandschaft in Aufruhr. Neben der riesigen Medienkonkurrenz, verursacht durch über 14 Tageszeitungen, 13 Anzeigenblätter, 15 Stadtmagazine sowie zahlreiche Radiostationen und Lokalsender, gerate der Berliner Pressemarkt durch die wirtschaftliche Armut der Bevölkerung und die große Fluktuation in der Hauptstadt in Bedrängnis. Allgemeine Bedingungen für Zeitungsmacher, wie das veränderte Leseverhalten, die Zuwendung zu elektronischen Medien und die damit verbundene Verunsicherung der Werbewirtschaft, treffen laut Maroldt auch den Tagesspiegel hart. Der Verlust von Abonnenten ließe sich in Berlin nicht durch den Zugewinn neuer Stammleser kompensieren, da der Berliner Lesemarkt „betoniert“ sei und es kaum Zeitungswechsler gebe.
Trotz dieser düsteren Zustandsbeschreibung gab sich Maroldt optimistisch. Bedingt durch den gesamtwirtschaftlichen Aufschwung, clever eingefädelte Leasingverträge, den Ausbau der Geschäftsfelder (Vertrieb von Reisen, Wein und Büchern im Tagesspiegel-Shop) und intensive Sparmaßnahmen (Austritt aus dem Verlegerverband verbunden mit untertariflicher Bezahlung der Redakteure) gelang es dem Tagesspiegel 2006 schwarze Zahlen zu schreiben.
Auch für die Branche im Ganzen ist Optimusmus angesagt: Vom Untergang der gedruckten Tageszeitungen, die sich der Konkurrenz von Online - Angeboten und Gratiszeitschriften ausgesetzt sehen, könne nicht die Rede sein. E-Papers seien noch nicht allzu erfolgreich und die Werbewirkung in Print - Medien weitaus höher. Maroldt geht davon aus, dass in überschaubarer Zeit vorallem die Boulevardblätter durch Gratiszeitungen vom Markt gedrängt würden. Zeitungen könnten in Zukunft nur mithilfe anspruchsvoller Artikel und exklusiver Kommentare Leser ansprechen. Die Zukunft der Zeitungen liege in der Trias Qualität, Exklusivität und Kreativität.
Lesen Sie auch den Bericht von Manfred Ronzheimer im online-Dienst Berlinews:
http://www.berlinews.de/archiv-2007/1186.shtml
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