Gabor Steingart

Beziehungsspiele: Politik und Publizistik in der Hauptstadt

Welche enge Beziehung zwischen Journalisten und Poltikern besteht, bewiesen Gabor Steingart, der Büroleiter des Berliner Spiegel-Büros und Jan Fleischhauer, sein Stellvertreter, am 30. Mai eindrucksvoll.

Fleischhauer eröffnete den Vortrag über Beziehungsspiele zwischen Politik und Publizistik in der Hauptstadt mit der Frage, in welchem Rahmen sich Journalisten und Politiker begegnen und wie die Form der Zusammenkunft den Informationsgehalt bestimmt. Hierbei ermöglichen Interviews einen intensiveren Kontakt zu Politikern als Pressekonferenzen. Fleischhauer erläuterte die Unterscheidung zwischen klassischen Interviews und "Gesprächen". Klassische Interviews hätten eher abfragenden Charakter und seien meist kürzer, wohingegen Gespräche mehr Raum für Diskursivität und die Formulierung von Gegenpositionen böten. Als interessante Gesprächspartner erwiesen sich seiner Ansicht nach vor allem politische Seiteneinsteiger, die bestimmte Techniken noch nicht beherrschten und so erklärungsbedürftige Aussagen produzierten. Generell mahnt Fleischhauer das Ausweichen auf Phrasen und die fehlende Spontaneität von etablierten Politikern an.

Das Verhältnis von Journalisten und Politikern beschreibt Jan Fleischhauer aus verschiedenen Gründen als sehr eng: Beide leben in derselben Welt und sind an der Arbeit des anderen interessiert. Das Wissen über Entwicklungen und Niederlagen des anderen bindet emotional. Trotzdem bliebe kaum Raum für Freundschaften. Journalisten und Politiker bildeten in der Regel nur bei gleichen Interessen eine Koalition. Darüber hinaus hat der Umzug von Bonn nach Berlin das Klima distanzierter und kühler werden lassen. Fleischhauer steht diesen Entwicklungen aber aufgeschlossen gegenüber, da zu viel Nähe zwischen Politik ud Publizistik den kritischen Journalismus gefährde.

Gabor Steingart führte den Vortrag mit der Frage weiter, ob der Spiegel an "Biss" verloren hätte und sich weniger brisanten Themen zuwende (Lifestyle, Fitness). Diese These kann er jedoch nicht bestätigen, da es "weiche" Themen schon immer gab und wichtige Enthüllungen heute anders wahrgenommen würden.

Das Verhältnis von Spiegel und Spiegel-Online schätzt Steingart als unproblematisch ein. Das Online-Portal habe die Auflage des Magazins nicht tangiert. Dies führt der Leiter des Spiegel-Hauptstadtbüros darauf zurück, dass sich beide Medien inhaltlich unterscheiden und Spiegel-Online Themen beispielsweise frecher, kürzer und schneller aufbereite.

Journalisten in Berlin sind Experten für Machtspiele, aber nicht für Beziehungsspiele, so Steingarts Resumée: Sachkompetenz, Professionalität und Distanz bilden die Basis für erfolgreichen Journalismus. 
  

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Letzte Aktualisierung 04.03.2008 von aknaut
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