Salah

Hoda Salah: Politischer Wandel in Ägypten: Revolution im privaten Raum

Am Dienstag, dem 1. November 2011, startete die Ringvorlesung des OSI-Clubs, die im Laufe des Wintersemesters 2011/2012 das Thema "Frauenbewegungen in Afrika" behandelt. Am Anfang der Veranstaltung stellte die Organisatorin der Vorlesungsreihe, Prof. Dr. Ulrike Schulz, das Programm vor.

Der Vortrag über die Entwicklung in Ägypten nach der Revolution wurde von Dr. Hoda Salah gehalten, einer deutsch-ägyptischen Politikwissenschaftlerin und Privatdozentin am OSI. Sie widmet sich in Forschung und Lehre hauptsächlich der Geschlechterforschung und dem Feminismus im islamischen und europäischen Kontext.


Hoda Salah betrachtet die dominante politikwissenschaftliche Wahrnehmung der jüngsten politischen Umbrüche Ägyptens als weitgehend verfehlt. Diesbezüglich hebt sie hervor, dass der politische Aktivismus der Frauen als Kampf für Bürgerrechte verstanden werden sollte und weniger als feministische Bewegung. Als zentraler Pfeiler dieses Kampfes betrachtet sie den Aufbau einer Demokratie. Gefährlich für dieses Ziel ist die Macht der Armee, beispielsweise existieren die Notstandsgesetze fort. Somit können Menschen festgenommen und ohne Prozess festgehalten werden.

Demgegenüber beurteilt Hoda Salah die Umwälzungen im privaten Bereich als weitaus wichtiger. Die Revolution habe den Ägyptern eine neue gesellschaftliche Wahrnehmung gegeben, indem sie sich als Teil der politischen Entscheidungsfindung sehen und einen neuen Bürgerpatriotismus gefunden haben. "Ich bin (endlich) stolz, ein Ägypter zu sein." Gleichfalls hebt Hoda Salah die neu aufblühende Studentenbewegung sowie eine Abnahme der Korruption im privaten Raum hervor.

"Die Liberalisierung von unten" erkennt sie in zahlreichen Medien wie Film, Musik und Literatur. Sie nennt einige Beispiele von Werken der letzten zehn Jahre, die die unzufriedene Stimmung der Menschen in Ägypten darstellen und ihren Wunsch auf Wandel zeigen. Aus Mangel an Interdisziplinarität, bzw. Ignorierung eben der Kunst, Literatur und Filmmedien von Seiten der Wissenschaft sei eben der ägyptische Frühling für viele PolitikwissenschaftlerInnen überraschend gekommen. Dies beweist auch, dass die Perspektive des internationalen politikwissenschaftlichen Mainstreams begrenzt ist und erweitert werden muss.


Der Erfolg der Revolution zeigt sich im Mut zum Wandel im privaten Raum. Es sei nun möglich gesellschaftliche Traditionen und Konventionen in Frage zu stellen. Indem das System des "Vaters", Mubarak, in Frage gestellt wurde, werden nun Zweifel am gesamten patriarchalen System laut.In diesem Zusammenhang betont Hoda Salah, dass Frauen im öffentlichen Raum Ägyptens seit jeher eine starke Rolle gespielt haben.


Das zentrale Problem für Frauen in Ägypten stellt nicht der öffentliche, sondern der private Raum dar, in dem Religion und Tradition erst jüngst durch die Revolution in Frage gestellt werden. Diese Auseinandersetzung um den privaten Raum wird von zwei Denkströmungen angeführt: die Säkularen und die Islamisten. Die beiden Lager seien sich bezüglich der Forderung nach Demokratie und Bürgerrechten sehr ähnlich; bei den Islamisten sieht Hoda Salah jedoch Probleme in der Weise, wie sie den privaten Raum konstruieren.

Dabei identifiziert sie folgende Faktoren:

a) Missachtung der Gleichberechtigung von Frauen

b) Sexualitätsbesessenheit in der Politik

c) Einschränkung der künstelerischen Entfaltung

d) Missachtung von Minderheitsrechten


Aus diesen Gründen plädiert Saleh für eine säkulare Politik in Ägypten.


Die Diskussion über den Vortrag wird von Parto Teherani-Krönner von der HU Berlin eröffnet. Sie vergleicht die Revolution in Ägypten mit der grünen Revolution im Iran. Sie betont dabei insbesondere, wie wichtig es ist, Fragen der Geschlechtergerechtigkeit und der Frauenrechte als wesentlichen Bestandteil der Revolution zu betrachten und diese nicht anderen Themen nachzuordnen.

Dem Diskussionsbeitrag folgt eine anregende Fragerunde, in der die Definition von gesellschaftlicher Revolution im Mittelpunkt steht. Wir bedanken uns bei allen Anwesenden sehr für die aktive Beteiligung und freuen uns auf die kommenden Ringvorlesung über weibliche Beteiligung am Arbeitsmarkt in Sudan.


(Pablo Freudenthal)


Letzte Aktualisierung 22.02.2012 von afrikaprakti
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