Berriane

6.12. Yasmine Berriane: Die Feminisierung lokaler Vereine in Marokko als Zeichen einer Umgestaltung der Machtverhältnisse?

Für ihre Promotion unternahm die Sozialwissenschaftlerin Yasmine Berriane von 2006 bis 2009 ethnographische Feldforschungen zum Alltag von Vereinen in den peripheren Stadtteilen Casablancas. Diese ursprünglichen Arbeiterviertel, werden seit den Anschlägen von 2003 sowie durch Programme wie die der Nationalen Initiative zur Menschlichen Entwicklung (INDH) stark gefördert, vor allem durch finanzielle Unterstützung lokaler Vereine.

Seit den Liberalisierungsunternehmungen durch den neuen König Mohammed XI wird in Marokko versucht die Stellung der Frau zu verbessern. Dies geschieht – unter anderem – auch durch die Mediatisierung von Frauen als politische Entscheidungsträger und dient dem König zum Teil als Imageaufbesserung. In diesem Kontext sind jedoch auch lokale Vereine betroffen, welche bis in die 1990er fast ausschließlich männerdominiert sind. Seitdem setzt eine quantitative Veränderung ein, wodurch die Anzahl von Frauen als Entscheidungsträger in Vereinen stark zunimmt.

In Berrianes Forschung liegt der Schwerpunkt jedoch auf den qualitativen Veränderungen. Dazu untersucht sie 30 Lebensberichte von Frauen, die eine leitende Position inne haben. Wie die Frauen das geschafft haben sowie, was sie erreichen können, stellen Leitfragen in ihrer Forschung dar. In einer Initiative zur Verringerung der Armut und mehr Gleichberechtigung, 2005 durch den König initiiert, werden lokale Programme mit partizipatorischen Ansatz gefördert. Dadrurch gründen sich mehr Vereine und gleichzeitig wird das Finden von Vereinsräumen erleichtert durch das Bauen von sozialen Zentren.

Der Hauptteil der Vereine beschäftigt sich mit Entwicklung und bietet zum Beispiel Sprachkurse, Weiterbildungen oder Alphabetisierungen an. Das Ziel der Vereinsakteure ist es möglichst viele Frauen für diese Programme zu gewinnen, als Zeichen des modernen Vereins. Gleichzeitig nimmt die staatliche Kontrolle über Vereine nicht nach, da der offizielle Anmeldungsprozess von Vereinen auch dazu dienen kann systemkritische Initiativen aus den anerkannten und geförderten Vereinswesen auszuschließen.

In den untersuchten Stadtvierteln, stellen sogenannte gemischte Räume in Schulen oder offiziellen Orten zwar kein Problem für Frauen, jedoch verbleiben andere gemischte Räume wie zum Beispiel Cafés meist Männern vorbehalten. Dies gilt auch für Zentren in denen Vereine verkehren und ihre Aktivitäten anbieten. Der regelmäßige und intensive Zugang von Frauen zu diesen Räumen wird dadurch erschwert. Um solche Hindernisse zu umgehen tendieren die interviewten Frauen dazu, Ihre Familie und Nachbarn mit in den Verein zu bringen, sodass z.B. abendliche Treffen keine Vorurteile aufwerfen. Oft werden aber dadurch Machtverhältnisse, die in der Familie bestehen in die Vereine getragen.

Gemäß Berrinane ist es weiterhin für Frauen schwierig Präsidentin eines Vereins zu werden. Oftmals nehmen sie nur beratene Positionen ein oder sind für frauen-relevante Themen zuständig. Ebenso existiert ein gewisse Wettbewerb zwischen Männern und Frauen in Vereinen. Die Entwicklung zeige eine Tendenz zur Schaffung von reinen Frauenvereinen, in denen feministische Diskurse stattfinden können.


Letzte Aktualisierung 22.02.2012 von afrikaprakti
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